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Neue Zürcher Zeitung

04. Oktober 2007

Touristische Analysen

«Der Reisende wirkt auf ein Militärregime nicht nur stabilisierend»

Der Ökonom Christian Laesser spricht sich gegen einen
Burma-Boykott der Tourismusindustrie aus

Rund 4000 Schweizer reisten 2006 als Touristen nach Burma - dies trotz dem Aufruf der Opposition, das von einem Militärregime regierte Land in Südostasien zu meiden. Der Ökonom Christian Laesser vertritt die Meinung, dass der Tourismus nicht nur auf die wirtschaftliche, sondern auch auf die politische Entwicklung eines Landes Einfluss nimmt.

Herr Professor Laesser, die brutale Vorgehensweise der Militärregierung Burmas gegen die Zivilbevölkerung und friedlich demonstrierende Mönche hat letztlich auch eine touristische Dimension. Wie stark unterstützt ein nach Burma reisender Tourist das Militärregime?

Christian Laesser: Der Reisende wirkt auf ein Regime insofern stabilisierend, als er Devisen ins Land bringt. Es gilt aber zu unterscheiden, etwa wenn Burma mit anderen totalitären Regierungen verglichen wird. Im Gegensatz zu Kuba zum Beispiel, wo der Tourismus eine hochentwickelte Branche darstellt, ist der Tourismus in Burma kein grosses Geschäft. Es sind meistens Kleinstbetriebe, etwa Familien, die Gäste unterbringen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit Burmas vom Tourismus ist minimal, was wiederum zu einem marginalen Interesse der Regierung diesem Wirtschaftszweig gegenüber führt. Trotzdem: Touristen wirken für ein Militärregime stabilisierend, in Burma können sie aber auch destabilisierend sein, weil es immer auch zum Austausch zwischen Reisenden und Einheimischen kommt.

Dennoch: Müsste die Schweizer Tourismusindustrie Burma nicht boykottieren - vor allem auch, weil Oppositionelle dazu aufrufen, das von einem Militärregime regierte Land zu meiden?

Ein Boykott, egal welcher Art, ist für mich erst dann angebracht, wenn der Dialog zum Erliegen gekommen ist. Die Tatsache, dass das Militärregime Touristen zulässt, was ja immer auch mit einer gewissen Gefahr verbunden ist, zeigt, dass die Dialogbereitschaft in Burma noch nicht ganz erloschen ist, unabhängig von den zu verurteilenden Vorkommnissen der vergangenen Tage. Wenn die Reiseveranstalter zum Burma-Boykott aufrufen würden, müssten auch Länder wie China gemieden werden - generell Länder, denen die persönliche Freiheit des Individuums und demokratische Strukturen abgehen. Zudem glaube ich nicht, dass ein Boykott der Tourismusindustrie merkbare Auswirkungen in Burma hätte, da es im Land selber kaum touristische Strukturen gibt.

Interessant ist, dass die Schweizer, gemessen an der Gesamtbevölkerung, laut der «NZZ am Sonntag» zu den wichtigsten Kundenkreisen des burmesischen Tourismus zählen. Haben die Schweizer weniger Skrupel, Länder wie Burma zu bereisen?

Nein, der Grund ist ein anderer. Unser Reisemarkt ist sehr entwickelt, die Schweizerinnen und Schweizer sind reiseerfahren und haben damit die Fähigkeit, sich in Ländern zu bewegen, die andere Nationalitäten noch eher meiden. Zudem spricht der Schweizer Tourist stark auf Angebote an, wie sie speziell in Burma existieren, also auf wenig industrialisierte Produkte.

Und was glauben Sie, warum sind etwa die Briten touristisch praktisch nicht in Burma vertreten?

Burma ist weder ein Markt für Pauschalangebote noch für die klassische Backpacker-Szene - in beiden Bereichen sind die Briten verhältnismässig gut vertreten. In Burma übernachtet der Tourist dagegen primär in Kleinbetrieben, ausserhalb der Städte. Zudem orientiert sich der Brite bei der Wahl seiner Reisedestination noch immer stark am Commonwealth.

Lässt sich mit Tourismus auch an der politischen Situation im jeweiligen Reiseland rütteln?

Ja, denn Tourismus bedeutet immer auch kulturellen Austausch. Diese Interaktion führt zu einer anderen Wahrnehmung von Dingen - insofern hat der Tourismus auch Einfluss auf die politische Lage eines Landes. Spürbar ist dieser Einfluss, im Unterschied zu einer allfälligen Wirtschaftsentwicklung im Ferienland, aber erst langfristig. Der Tourismus hat etwa in den früheren Ostblockländern dazu beigetragen, den Übergang in eine mehr oder weniger demokratische, gegen aussen offene Welt zu erleichtern.

Interview: Jan Mühlethaler

Christian Laesser ist Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen.

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